Jutta Wieding aus Garbsen ist für ein Jahr in Brüssel und arbeitet dort, vermittelt über 'Eirene', als Freiwillige bei der Klimaschutzorganisation CAN. Ab und zu berichtet sie auf dieser Website von ihren Erfahrungen:
"Abenteuer Brüssel
Mal ganz weit weg von zu Hause sein, was anderes sehen, neue Leute kennen lernen, andere Erfahrungen machen, die Vielfalt der Welt entdecken � ein Traum, der für mich wahr wird. Ich verbringe nach dem Abitur ein Jahr als Europäische Freiwillige in Brüssel, um bei einem Klimaschutznetzwerk zu arbeiten.

Donnerstag, 14.9.06
Nach zwei Wochen Einreiseseminar bin ich endlich in Brüssel angekommen. Es ist ein herrliches Gefühl am Bahnhof Brüssel Midi auszusteigen und zu wissen, in ein neues Zuhause zu kommen. Im ICA (Institute of Cultural Affaires), dem Praktikantenwohnheim, in dem ich lebe, habe ich zunächst Wäsche gewaschen und mich ins Bett gelegt und war augenblicklich angekommen. Ein neues Leben liegt vor mir.
Freitag, 15.9.06
Bei ersten Erkundungsgängen durch die Straßen Brüssels, habe ich festgestellt, dass ich doch noch nicht so sehr angekommen bin, wie ich dachte; ich habe mich furchtbar verlaufen. Dennoch ist Brüssel eine sehr abwechslungsreiche Stadt. Alte Häuser und moderne Glasbauten wechseln sich ab mit Plattenbauten und halb verfallenen Ruinen. Genauso bunt und schnelllebig wie die Architektur sind auch die Leute. Ein Gewimmel von allen erdenklichen Sprachen und Kulturen treffen sich auf engstem Raum. Alle Schilder sind zweisprachig auf Flämisch und Französisch. In einer multikulturellen und weltoffenen Stadt wie Brüssel ist Toleranz gegenüber anderen Kulturen nichts, über das man sich streitet, sondern etwas, das man lebt. Zumindest Ausländern gegenüber. Hier ist es der historische Konflikt zwischen den niederländisch-sprachigen Flamen und den französisch-sprachigen Wallonen, der hier noch unterschwellig spürbar wird. In einer Stadt, die eigentlich genauso gut zu dem Flämischen Teil Belgiens gehört, fühlen sich die Flamen von der französischen Dominanz diskriminiert. Inzwischen wird im öffentlichen Leben überwiegend französisch gesprochen.
Sebastian und Miriam, zwei weitere deutsche Freiwillige, die mit meiner Organisation EIRENE ein Jahr hier verbringen sind heute angekommen. Miriam arbeitet in einer Arche, einer Behindertengemeinschaft in einem der Brüsseler Randviertel. Sebastian wohnt gerade mal 10 Minuten zu Fuß von mir entfernt in einer Wohngemeinschaft. Wir waren zusammen am Grand Place, dem historischen Marktplatz, auf dem die Fürstenhäuser an Höhe und Pracht mit dem Rathaus konkurrieren. Nachts sind die Gebäude beleuchtet. Man setzt sich zu den Scharen Jugendlicher auf den Platz und genießt das Schauspiel und das Treiben, und macht ein paar nette Bekanntschaften.
Montag, 18.9.06
Mein erster offizieller Arbeitstag. Erst gegen elf Uhr beginnt die Woche im kleinen Büro des Climate Action Network Europe mit lockerem, gut gelauntem Smalltalk und einer Dienstbesprechung. Dieses Meeting am Montag morgen ist der Punkt, an dem man wirklich mitbekommt, dass in diesem Büro hart gearbeitet wird. Es wird viel gelacht und leidenschaftlich diskutiert über Unmengen von Kaffee und ausgedehnten Mittagspausen. Arbeit und Hobby scheinen nicht so recht getrennt. Doch das bedeutet auch, dass Arbeitszeiten sich auf Wochenenden und späte Abende ausdehnen. Es geht nicht um die Stunden, die man arbeitet, sondern darum die Sachen zu erledigen, die zu machen sind. Der Alltag einer typischen NGO (Nicht-Regierungs-Organisation).
Dienstag, 19.9.06
Die Arbeit stapelt sich auf meinem Schreibtisch und ich habe das Gefühl, dass der Arbeitsalltag mich schon erfasst. Viele Treffen mit meinen Kollegen, und thematisch lesen über Klimawandel und seine Hintergründe.
Ich komme nach Hause und bin überrascht, wie müde ich bin vom am Schreibtisch sitzen.
Donnerstag, 21.9.06
Ich habe eine entscheidende Entdeckung gemacht: ich bin erst seit einer Woche hier und es ist in Ordnung, noch nicht alles zu können und zu wissen. Es ist merkwürdig, wie schnell man so etwas vergisst, aber es ist sehr erleichternd, wenn es einem dann wieder einfällt.
Ich hatte endlich mal wieder Zeit, mich mit Sebastian zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Ihm scheint es ähnlich zu gehen. Ich habe eine potentielles neues Lieblingscafe entdeckt. Man bestellt dort zauberhafte heiße Schokolade: was man bekommt ist eine Tasse heiße Milch und ein Schälchen Schokoladenplätzchen, die man darin auflöst � zauberhaft! Belgische Schokolade wird ihrem Ruf gerecht.
Freitag, 22.9.06
Seit heute bin ich offizielle Brüsselerin, was z.B. bedeutet, dass ich an den Kommunalwahlen im nächsten Monat teilnehmen darf. Ein Recht, dass ich mir mit zwei Stunden Wartezeit teuer erkauft habe. Als ich pünktlich um halb neun am Rathaus ankam, war ich augenblicklich dankbar für den Tipp einer Kollegin, früh zu kommen. Ich lebe in einem Stadtteil, mit einem sehr hohen Araberanteil. Dementsprechend warteten da schon ungefähr 30 bis 40 Leute, alle auf dem Weg registriert zu werden.
Heute Abend ist eine riesige Willkommens-, Geburtstags-, Studenten-, Deutsche- party in der Wohngemeinschaft, in der Sebastian wohnt. Dort leben neben ungefähr sechs Belgiern mit sehr unterschiedlichen und teilweise ungewöhnlichen Lebensweisen, ein weiterer Freiwilliger aus Deutschland und eine deutsche Studentin, die in Brüssel Kunst studiert. Neben jeder Menge deutscher und belgischer Leute, habe ich dort die Eigenschaften des berühmten belgischen Biers kennen gelernt: sie haben alle irgendwo zwischen 6 und 11% Alkohol und schmecken verdammt gut...
Samstag, 23.9.06
Nach der dreimonatigen Auszeit zwischen Schule und Brüssel hatte ich ganz vergessen, was es bedeutet, nach einer langen Woche mal wieder ausschlafen zu können.
Was ich als Kind vom Dorfe besonders an Brüssel liebe, ist die Möglichkeit einfach ein bisschen durch die Stadt zu spazieren und auf irgendwas Interessantes zu treffen. Heute war es ein kostenloses frankophones Festival, auf dem zwar wallonische und französische Bands gespielt haben, aber trotzdem mit englischen Texten. Nach Brüsseler Geschmack gab es ein wenig von allem: ein bisschen Punk, Rock, Metal, Chanson, vor allem aber Elektro, neben Jazz die weitverbreitetste Musikrichtung hier.
Die Zeit vergeht wie im Flug und ich habe manchmal das Gefühl, gar nicht richtig mitzukommen. So viel fühlt sich schon vertraut an, und doch merke ich bei jeder neuen Straßenecke, die ich noch nicht kenne, dass es noch viele Orte zu entdecken, viele Leute zu treffen, viele Missverständnisse zu klären und viel Spaß zu haben gibt. "
Jutta Wieding aus Brüssel
Klimaschutzbotschafterin Jutta Wieding berichtet aus Brüssel (wmv 10Mb)